Meine Malerei ist mit dem großen Abenteuer des Erschaffens verbunden, das mysteriöse Fragmente von gewesenem, gegenwärtigem und zukünftigem Leben mit sich zieht. Für mich ist der Schaffensakt ein Bruch, eine von gesellschaftlichen Symbolen oder Konsumtendenzen unabhängige Angelegenheit. In der Malerei finde ich die Möglichkeit, nicht völlig ausformulierte ["inkomplette" oder "ergänzungsbedürftige" bzw. "-fähige",] Botschaften zu übermitteln, die je nach Blickweise des Betrachters variieren, der - mit seiner eigenen Deutung - die Leinwände vervollständigt.
Ich wurde von der informellen Kunst beeinflusst, der nordamerikanischen, "action painting" genannten Schule, ebenso wie von zeitgenössischen spanischen und französischen Malern. Ich bin jedoch in keiner Bewegung eingebunden; es zu sein, wäre gegen meine Natur. Ich male, wie ich mich fühle, mit einem Gefühl von Freiheit. Meine Beziehung zu der Plastik (bildende Kunst, Malerei, gestaltende Kunst) basiert, genaugenommen, auf der ständigen Suche nach neuen Ausdrucksformen. Ich durchlaufe Techniken, die mit ihren spezifischen Eigenschaften eine Vielfalt an Vorgehensweisen anbieten. Ich habe mit Industriematerial aus dem Eisenwarenhandel experimentiert. Im Moment benutze ich alles, was mich visuell, emotional und taktil reizt; Materialen wie zB Teer, Gips, Sand, Schuhcreme, angebrannte Papiere, jede Art von Abfall. Ich drucke auf Holz, Glas, Röntgenbildern, Kork. Die so miteinander verschmolzenen ["kombinierten"] Materialien erzeugen die gewünschte Zusammensetzung (Komposition). Vielfach überrascht mich diese Alchemie, das besondere Gefüge jeder Mischung, das Motiv und Inhalt andeutet. Die jeweilige Kombination auf der Bildfläche versucht, chromatische Mikrokosmen zu schaffen, die kleine Welten im Universum des Bildes formen.
Ich möchte deutlich machen, dass nicht die Materialien an sich, sondern vor allem Sinn und Botschaft für mich zählen. Die Malerei beweist ihre Existenz und Funktionsweise durch sich selbst, indem sie ihren Unterschied zur Sprache, dem Erzählten, Erklärten, klar hervorhebt.
In dem abstrakten Bildgefüge erscheint eine Andeutung von Figürlichkeit, nicht nur auf der Oberfläche , sondern auch auf die Zeit bezogen. Die sichtbar werdenden Gesichter und Personen tauchen sowohl auf der Bildoberfläche, als auch aus der Vergangenheit auf. In diesem Sinne ist Malen mit dem Bergen einer Person aus ihrer eigenen Geschichte vergleichbar. Das Kunstwerk entwickelt sich in dem Moment, in dem sich diese Person, ihre Situation, ihre Umgebung wieder erschafft. Ich rufe die Person durch ihre Abwesenheit hervor, durch Elemente, Vorstellungen oder durch eine Atmosphäre, die sie (selbst) heraufbeschwört. In dem Nicht-Vorhandensein einer Person, aber auch in dem Grotesken einiger Figuren, leben das Reale und das Phantastische in einer dem magischen Realismus in der Literatur ähnlichen Art und Weise zusammen.
Meine Botschaft ist letztendlich unsere lateinamerikanische Geschichte, ihre Wurzeln, ihre Glaubensüberzeugungen, ihre Kämpfe. Ich greife Mythen des präkolumbianschen Amerikas auf, (von) Zivilisationen, welche die Zeit, das Leben und den Tod auf andere Art und Weise bewerteten. Ich versuche, die Brücke zur Wiederentdeckung unserer Vergangenheit zu schlagen, und forsche nach dem inneren Puls dieser tausendjährigen Kulturen, deren Substanz uns zweifellos überleben wird.
OSVALDO ROSENDO